Bereits ein Jahr zuvor gründete sich unsere Bürgerinitiative „Lachwald-erhalten“ mit dem Ziel, ein Bürgerbegehren durchzuführen, um damit einen Bürgerentscheid zu erreichen. Anlass war ein aus unserer Sicht falscher Gemeinderatsbeschluss, der eine Teilabholzung des Lachwalds mit anschließender Bebauung vorsah. Unser zentrales Anliegen war es, diese Entscheidung nicht allein der Kommunalpolitik zu überlassen, sondern die Stutenseer Bürgerinnen und Bürger selbst darüber entscheiden zu lassen. Zugleich war das Bürgerbegehren 2017 die letzte rechtliche Möglichkeit, den Wald in seiner Gesamtheit zu erhalten.
In vorbildlicher und beispielhafter Weise arbeiteten die Mitglieder der Bürgerinitiative – Menschen, die sich zum Teil zuvor nicht einmal persönlich kannten – zusammen. Sie bündelten ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Möglichkeiten, um diese Fehlentscheidung zulasten von Wald und Natur zu korrigieren.
Ehrenamtlich und unabhängig wurden zur Information der Bevölkerung mehrere Flyer konzipiert und in allen Stadtteilen an die Haushalte verteilt. Insgesamt wurden 3.333 Unterschriften gesammelt, 2.999 davon als gültig anerkannt, zahlreiche Treffen organisiert und Gemeinderatssitzungen besucht.
Für den Bürgerentscheid 2018 wurden unterschiedliche Wahlplakate entworfen, bestellt, verteilt sowie auf- und später wieder abgehängt. Hinzu kam die Erstellung zahlreicher von der Stadt – aus rein taktischen Gründen – immer wieder abgelehnter Kostendeckungsvorschläge, ganz zu schweigen vom zusätzlichen organisatorischen Aufwand. Selbst Wahlbeobachter kamen von uns zum Einsatz.
Sämtliche anfallenden Kosten wurden von der Bürgerinitiative selbst getragen, ergänzt durch Spenden aus der Bürgerschaft. Unbezahlbar blieb jedoch der enorme Einsatz an Freizeit, der für den Erhalt des Waldes aufgebracht wurde. Belohnt wurde dieses Engagement am 18. Februar 2018: Die Wählerinnen und Wähler folgten dem Begehren der BI „Lachwald-erhalten“ und erreichten mit über 72% Ja-Stimmen den Erhalt des Lachwalds. Alle Wahlbezirke in sämtlichen Stadtteilen wurden gewonnen. Damit war das ursprüngliche Ziel – der Erhalt des Lachwalds in seiner bestehenden Form – dank beispielhaften Bürgerengagements – erreicht. Ein Paradebeispiel für direkte Demokratie.
Unsere Bürgerinitiative hat sich unmittelbar danach dem Dachverband der Waldbürgerinitiativen, der BundesBürgerInitiativeWaldSchutz (BBIWS) angeschlossen. Dadurch sind wir bundesweit mit zahlreichen weiteren Waldbürgerinitiativen vernetzt und stehen im Austausch mit erfahrenen und renommierten Förstern sowie Waldexperten. Diese setzen sich angesichts von Klimawandel, extremer Trockenheit und zunehmender Hitze für den Erhalt der Wälder als komplexes Ökosystem ein und lehnen deren Reduzierung auf eine reine Holzlieferfunktion ab. Stattdessen ist zukünftig eine deutlich schonendere Waldbehandlung unter Berücksichtigung der Biodiversität erforderlich.
Des Weiteren haben wir uns im Jahr 2020 der neu gegründeten Bürgerinitiative „Waldwende Jetzt!“ angeschlossen und werden vor Ort durch deren Gründer und Bundessprecher, Diplom-Forstwirt Volker Ziesling, unterstützt. Er war bis zu seinem Ruhestand Leitender Forstdirektor in Rheinland-Pfalz und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Umgang unserer Waldökosysteme vor dem Hintergrund der Klima- und Biodiversitätskrise. Wir haben mit ihm einen kompetenten Forstwissenschaftler, auch als fachlicher Sprecher unserer Waldbürgerinitiative, an unserer Seite. Volker ist unermüdlich im Einsatz für Wald und Natur. Er hält Fachvorträge und führt Waldbegehungen durch. Ebenso am Herzen liegen ihm die schützenswerten Rheinauen.
Auch für uns geht es längst nicht mehr nur um den Lachwald. Hauptanlass für unser weiterführendes Engagement war der massive Holzeinschlag im Lachwald unmittelbar nach dem Bürgerentscheid, der zahlreiche Bürgerinnen und Bürger entsetzt zurückließ und zu vielen Kontaktaufnahmen führte. Hinzu kamen stark geschädigte Waldböden in der Büchiger Hardt sowie Kahlschläge im Landschaftsschutzgebiet, im Schonwald und Natura-2000-Gebiet Lochenwald bei Staffort – Maßnahmen, die dort eigentlich unzulässig sind. Trotz zunehmender Hitze und Trockenheit sowie der fortschreitenden Ausbeutung des Ökosystems Wald findet auf kommunalpolitischer Ebene kein grundlegendes Umdenken statt. Die kommunalen Widerstände ähneln denen aus den Jahren 2017 und 2018: geprägt von Ignoranz, mangelnder Kommunikation und fehlender Bürgerbeteiligung. Man könnte auch von einem Mangel an Respekt gegenüber der Bürgerschaft sprechen.
Zum Thema Wald werden weiterhin fragwürdige und nicht nachvollziehbare Entscheidungen getroffen, immer ohne externe Beratung. In Stutensee werden trotz intensiver Waldbewirtschaftung jährlich steigende Defizite in Kauf genommen – entgegen dem eigentlichen Nachhaltigkeitsprinzip – anstatt eine schonendere und zugleich kostengünstigere Waldbehandlung durchzuführen.
Aus diesen Gründen schlugen wir der Stadt das „Förderprogramm klimaangepasstes Waldmanagement“ vor. Meinstutensee.de berichtete mehrfach darüber.
Nachfolgend die Links:
12.01.2023: Klimaangepasstes Waldmanagement zur Haushaltsentlastung?
20.02.2023: “Klimaangepasstes Waldmanagement” wird geprüft
13.10.2023: Stadt zögert beim klimaangepassten Waldmanagement
29.10.2023: Wald: Gemeinderat verzichtet auf Förderung
Die Grünzäsur zwischen Blankenloch und Büchig besitzt eine herausragende ökologische Funktion. Sie dient nicht nur als Frischluftschneise, sondern stellt die letzte verbliebene West-Ost-Verbindung für Tiere und Pflanzen dar – vom Hardtwald bis zum Weingartener Moor bzw. Grötzinger Bruchwald. Südlich davon existiert kein durchgängiger Biotopkorridor mehr.
Im Zusammenhang mit dem Bürgerentscheid beschloss der Gemeinderat am 23.04.2018, sämtliche von uns geforderten, innerhalb der Grünzäsur vorgesehenen Bauflächen aus der Bauplanung herauszunehmen.
Unter der neuen Leitung von Oberbürgermeisterin Becker wandte sich die Stadtspitze jedoch ohne entsprechenden Gemeinderatsbeschluss an den Verband Region Karlsruhe mit dem Ziel, Teile der Grünzäsur zwischen Blankenloch und Büchig wieder für eine Bebauung frei zu geben. In der Folge wurden im Entwurf des Regionalplans entsprechende Flächen als potenzielle Baugebiete ausgewiesen.
Erst durch Klarstellungen und Stellungnahmen verschiedener Umweltorganisationen, unserer Bürgerinitiative sowie engagierter Bürgerinnen und Bürger konnte dieses Vorgehen korrigiert und die Streichung der betreffenden Flächen aus dem finalen Regionalplan erreicht werden.
Ein Dauerbrenner: Bereits im September 2021 regte Volker Ziesling im Rahmen einer Begehung des Lachwalds gegenüber Oberbürgermeisterin Becker an, für den Stadtwald Stutensee ein verbindliches Waldleitbild zu erarbeiten. Entsprechende Zusagen wurden seither mehrfach in Aussicht gestellt; auch in Gemeinderatssitzungen war das Thema Gegenstand der Beratung. Das fehlende Waldleitbild war auch einer der vorgeschobenen Gründe, das oben beschriebene Förderprogramm abzulehnen.
Der zuletzt für Januar 2026 geplante Workshop zur Erstellung dieses Waldleitbilds wurde von der Stadtverwaltung kurzfristig mit Verweis auf eine Krankheitswelle abgesagt.
Diese Vorgehensweise der beiden Bürgermeisterinnen steht aus unserer Sicht exemplarisch für den Umgang mit zentralen städtischen Anliegen: Diskussionen, Ankündigungen und Verzögerungen wechseln einander ab, bis das Thema faktisch ad acta gelegt wird. Zu Befürchten sind dazu Beschlüsse der unwissenden Gremien zu weiteren Nutzungsmaßnahmen im Wald – obwohl der Stadtwald Stutensee im landesweiten Vergleich durchschnittlich nur noch etwa die Hälfte des Baumbestands anderer Wälder in Baden-Württemberg aufweist.
FAZIT:
Es war bereits damals wichtig und richtig, dem Wald eine Stimme zu geben. Der (kleine) Lachwald ist der Bürgerschaft als Erholungsraum erhalten geblieben – mit allen positiven Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt insgesamt. Er erlangte bundesweite Bekanntheit und unser Engagement diente vielfach als Vorbild für andere Waldfreunde und Bürgerinitiativen. Studierende fragten bei uns im Rahmen von Masterarbeiten an, es fanden mehrere Vorträge und Berichte statt, unter anderem in Stuttgart, Heidelberg und Wershofen/Eifel. Eine Hochschulgruppe der Universität Heidelberg unter der Leitung von Dr. Edgar Wunder besuchte den Lachwald zu Studienzwecken im Zusammenhang mit dem Bürgerbegehren und Bürgerentscheid.
Bei einer Tagung bundesweiter Waldbürgerinitiativen in Peter Wohllebens Waldakademie in Wershofen (Eifel) hatten wir Gelegenheit, über das Engagement der Bürgerinitiative für den Erhalt des Lachwalds zu berichten. Der Austausch war von großer Solidarität und ermutigendem Zuspruch geprägt.
Für die Zukunft ist es von existenzieller Bedeutung, dass sich die Bevölkerung aktiv für den Schutz der Wälder einsetzt – denn politische Entscheidungsträger werden diesem Anspruch vielfach nicht gerecht. Ermutigend ist die stetig wachsende Zahl engagierter Waldbürgerinitiativen. Zahlreiche Menschen bringen sich ehrenamtlich mit hoher fachlicher und persönlicher Kompetenz ein und tragen dazu bei, Fehlentwicklungen zu benennen sowie Versäumnisse und Fehlentscheidungen von Verantwortlichen kritisch zu korrigieren.